Die Herausforderung

Als das Flügelschlagen lauter wurde, war mir klar, daß ein Versteckspiel nichts bringen würde. Und ich wußte auch, wieso: Der Drache hatte mein Pferd gesehen und war sicherlich intelligent genug, um zu merken, daß zu einem gesattelten Pferd noch ein Reiter gehört. Ich lugte an der Mauer vorbei und überblickte die Lage: Das Pferd, zwischen mir und dem Drachen, wurde von Sekunde zu Sekunde unruhiger. Meine Waffen und meine Ausrüstung lagen etwa 10 Meter von ihm entfernt.

Ich kannte mich nicht sehr gut mit Pferden aus, und ein guter Reiter war ich sicherlich auch nicht; das Pferd würde mich in Panik sicherlich abwerfen, und schneller als der Drache war es ohnehin nicht. Deswegen entschied ich mich, meine Waffen zu greifen und wenigstens etwas Widerstand zu leisten. Ein wuchtiger Hieb mit dem Zweihänder oder ein gut gezielter Schuß mit der Armbrust könnte auch einen Drachen verletzen. Die Fähigkeiten dazu hatte ich. Also lief ich los!

Ich hatte genügend Zeit, den Zweihänder zurechtzulegen und die Armbrust schußbereit zu machen. Diese Zeit brauchte ich auch, da mich ein inneres Beben an flüssigen Handlungen hinderte. Zum ersten Mal in meinem abenteuerlichen Leben dachte ich daran, daß mein Ende kurz bevor stehen könnte. Auch als ich mit der Armbrust das Ungeheuer anvisierte, zitterten meine Arme. Die Folgen waren klar: Viel zu früh drückte ich ab, und der Bolzen sauste nur annähernd in die gewünschte Richtung.

Die erste Attacke des Drachen war auch nicht viel effektiver. Er flog direkt auf mich zu und wollte mich mit seiner riesigen Klaue im Flug greifen. Ich brauchte mich nur hinter einer Mauer auf den Boden zu werfen; so verlor er mich aus den Augen.

Als ich nach meinem Zweihänder griff, bekam ich mit, wie er zur Landung ansetzte, nicht weit von mir entfernt. Ich blickte noch mal in die Richtung, wo mein Pferd stand, doch das hat inzwischen das Weite gesucht. Das hätte ich auch gern getan.

Der Zweihänder. Das war eine Waffe nach meinem Geschmack. Er lag mir wesentlich besser, und vor allem ruhiger, in der Hand als die Armbrust. Er gab mir fast ein Gefühl von Sicherheit. Mit ihm wagte ich es, auf den Drachen zuzugehen, um wenigstens äußerlich einen entschlossenen und furchtlosen Eindruck zu machen. Er stand weiterhin still und schien mich genauestens zu mustern, bis ich fast mit meiner Waffe seinen Kopf hätte erreichen können.

Ich erschrak wie selten zuvor, als er sich erstaunlich schnell für ein Wesen seiner Größe aufrichtete, ein, zwei kleine Schritte auf mich zuging und zum Schlag mit seiner Rechten ausholte. Meine Reflexe waren noch gut. Es war recht leicht, dem Schlag auszuweichen und darauf den Gegenangriff zu starten. Ich ging noch weiter an ihn heran, ignorierte seinen Kopf und seine Pranken und konzentrierte mich auf seinen massigen Körper. Ihm galt mein erster Schlag, in den ich meine ganze Kraft steckte. Mit Erfolg.

Ich traf zwar, wie sehr ich ihn aber verletzt hatte, konnte ich nicht mehr ausmachen, denn Sekundenbruchteile nach meinem Treffer hatte er auch mich erwischt, wenn auch nicht allzu gut. Trotzdem taumelte ich einige Meter zur Seite, bis wir uns etwa zeitgleich von den Treffern erholt hatten.

Beide wollten die nächste Attacke. Doch da der Drache die größere Reichweite hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als seine Klauen zu attackieren. Doch durch die gewaltige Kraft, die hinter seinem Hieb steckte, schaffte ich es weder, den Zweihänder weiter festzuhalten, noch auf den Beinen zu bleiben.

Vom Boden sah ich dann auch, wo meine Waffe geblieben ist: Sie steckte mit der Klinge in der Pranke des Drachen. Ich war zwar unverletzt, aber dafür, abgesehen von einem Dolch und der etwas entfernt liegenden Armbrust, waffenlos. Deshalb wollte ich mich erst einmal von meinem Gegner distanzieren. Weil mir in dem Augenblick nichts besseres einfiel, lief ich zu den Überresten des kleinen Dorfes.

Was ich beim Laufen entdeckte, deutete ich als ein Zeichen der Götter: Vielleicht das einzige unversehrte Gebäude in diesem Ort war ein kleiner, zweckmäßiger Tempel. In dem Glauben, die Götter würden mich hier beschützen, betrat ich das Gemäuer durch die unverschlossene Tür. Doch da war wohl der Wunsch Vater des Gedankens, denn ich habe nie ein wirklich göttergefälliges Leben geführt.

Drinnen gab es nur einen Gebetsraum, in dem ich mehrere Statuen und Bilder der in diesem Land am meisten verehrten Götter sah. Ich wendete mich einer Statue des nach meiner Meinung Mächtigsten von ihnen zu, fiel vor ihm auf die Knie und tat etwas, was ich schon viele Jahre nicht mehr gemacht hatte: Beten.

Ob der Gott mich überhaupt zur Kenntnis genommen hat, weiß ich nicht, aber der Drache wußte ganz genau, wo ich war. Mit seiner unverletzten Pranke zerschmetterte er die Frontseite des Tempels, worauf auch ein großer Teil des Daches zusammenstürzte, zum Glück nicht in dem Teil, in dem ich mich befand. Doch jetzt würde der Drache direkt Hand anlegen.

Natürlich richtete er seine Aufmerksamkeit auf mich, während ich mich erheben wollte. Doch sämtliche Gliedmaßen versagten ihren Dienst, meine Todesangst war unbeschreiblich. Denn aus diesem Tempel gab es keinen anderen Ausweg als an dem Drachen vorbei.

Ich wartete auf mein Ende. Doch es kam nicht. Noch nicht? Der Drache jedenfalls unternahm noch nichts. Obwohl ich versuchte, meinen Kopf zu leeren, um nicht an das mir bevorstehende Schicksal zu denken, dachte ich an mehrere Dinge, bei denen wohl erneut der Wunsch Vater des Gedankens war: Wollte der Drache keinen sitzenden, reglosen Menschen angreifen? Betrachtete er sich bereits als Sieger und verzichtete daher darauf, mir den Rest zu geben? Auch hoffte ich noch, daß die Götter mich an diesem heiligen Ort behüten würden. Vielleicht hatte ja auch der Drache Respekt vor den Göttern und würde mich beim Anblick der vielen Statuen in Ruhe lassen?

Dann handelte der Drache. Er streckte seine rechte Pranke in den Gebetsraum hinein, so daß er sie etwa fünf Schritt entfernt von mir auf den Boden legen konnte. In ihr steckte noch immer mein Zweihänder. Offensichtlich wollte er, daß ich ihn herausziehe. Er verlangte es. Ich versuchte, seinem Gesichtsausdruck etwas abzulesen, doch der Drache hatte gar keinen Gesichtsausdruck. Was würde passieren, wenn ich seiner Aufforderung nachkam? Im Prinzip gab es zwei Möglichkeiten: Entweder würde er abziehen, oder der Kampf würde von neuem beginnen. Ein in seinen Augen wahrscheinlich fairer Kampf.

Unsicher krabbelte ich auf allen Vieren auf ihn zu. Direkt vor der Pranke hielt ich an und versuchte aufzustehen. Doch dieser Versuch scheiterte kläglich. Ich fiel zurück auf den Boden, wo ich mich so schwach und hilflos wie nie zuvor in meinem Leben fühlte. Bei meinem zweiten Anlauf nahm ich all meinen Mut und all meine Kräfte zusammen und stützte mich beim Aufstehen an der Pranke ab. Etwas Zeit brauchte ich noch, um mich zu sammeln, bis ich endlich meine ganze Kraft einsetzte und die Waffe aus der Wunde zog. Durch den selbst verursachten Schwung landete ich abermals auf dem Boden. Nachdem ich meinen Kopf wieder in die Richtung des Drachen gedreht hatte, schien mir der Drache kurz zuzunicken. Dann zog er seine Pranke aus dem Tempel, entfernte sich ein paar Schritte von ihm und hob ab. Ich hätte zu gern gewußt, was er dabei dachte.

 

Martin Becker, 1998